im blauen Sessel
  

Geld - sonst nichts?

Einführung ins Thema von Karin Nowak


Meine Damen und Herren,

Geld ist eigentlich nichts. Es ist nicht gut, es ist nicht schlecht, ein bisschen Metall, etwas Papier – sonst nichts. - Sonst nichts? -

Bisher und bis heute ist Geld das Medium, mit dem universell bewertet wird und über das wir bewertet werden. Erst oder nur mit Geld, so scheint es, gelten wir etwas in der Gesellschaft. Darum will es jeder haben. Wer Geld hat, will mehr davon haben. Und dieses Mehr-haben-wollen lenkt seit Jahrtausenden unser Schicksal und den Lauf der ganzen Welt. Wir sind in ein Wertesystem hineingeschlittert, das sich mit seinen drei Funktionen BEWERTEN, ZAHLEN und SPEICHERN zu einer kapitalen, weltumfassenden Wirtschaftsform entwickelt hat.

Das war nicht immer so.

Noch im 19. Jahrhundert, gab es im Nordwesten der Vereinigten Staaten einige Völker, die erst spät mit den europäischen Eroberern und unserem Geldsystem in Berührung kamen. Die Küstensalish, Haida und Quinaults lebten in Clans. Hatte ein Mitglied Jagdglück und für viele Felle Dollarnoten bekommen, richtet es ein Schenkfest aus, den Potlatch. Zum Potlatch waren alle Mitglieder des Clans eingeladen. Es wurde gegessen, getanzt, von Jagdglück und Handel erzählt und der Gewinn wurde unter allen Clanmitgliedern verschenkt. Durch dieses Teilen erhielt der Jäger sein Ansehen in der Gemeinschaft und weil es die Fischer und Heiler und alle so machten, gab es keine Kluft zwischen reich und arm, sondern die Gemeinschaft verhalf sich durch dieses Ritual zu einer weitgehend sozialen Ausgeglichenheit.

Zur gleichen Zeit wurde im deutschen Kaiserreich noch mit echter Goldmark bezahlt und der, am verschwenderischen Hofe Weimars lebende, Geheimrat Goethe, hob in seinem Werk Faust II, die Grundidee der Staatsverschuldung in die Literatur, indem er Mephisto zu seinem Herrscher sagen ließ: „Es fehlt an Geld, - nun gut, so schaff es denn. Man werfe die Notenpresse an …Man wird sich nicht mit Börs‘ und Beutel plagen, ein Blättchen ist im Busen leicht zu tragen.“

Mit Aufkommen der D-Mark und Rabattsparmärkchen war in meiner Kindheit Maßhalten angesagt. Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers oder der D-Mark nicht wert. Im Wirtschaftswunderland mussten wir begreifen, auch Zeit ist Geld. Mit Schulden kann man sich jetzt schon ein Haus leisten, das erst Jahrzehnte später abgezahlt ist und kann dennoch jetzt schon darin wohnen. Fast alle Ökonomen des 20. Jahrhunderts predigten die verstärkte Verschuldung.  Geld muss arbeiten, hieß es und Schulden eines Staates führen zum Wirtschaftswachstum, weil ja Gold in den Tresoren liegt und der Staat zudem die Lizenz zum Drucken von Geld hat, das über Staatsanleihen zurückgewonnen werden könne.

Heute sind wir auf diese Weise mit 2,4 Billionen Euro zu einer verschuldeten Nation geworden. In diesem Jahr werden 118 Milliarden dazukommen. Pro Kopf - Sie und Sie und ich, jeder von uns hat rund 30.000 Euro Schulden. Die USA gelten inzwischen als eine der am stärksten verschuldeten Nationen auf unserem Planeten. Und auch die vermeintlich so sichere Schweiz erlebte kürzlich ihr Debakel.

Vielleicht hat das Geld nicht genug gearbeitet? Aber das Geld ist nichts, es kann eigentlich nicht arbeiten. Wer bitte ist der Arbeitgeber des Geldes? Wir haben uns an eine völlig falsche Rhetorik gewöhnt und denken nicht mehr darüber nach. Wir geben unsere Arbeit, um unser Leben leben zu können und ein Unternehmen nimmt unsere Arbeit an, um produzieren zu können. Wir gestatten dem Geld alle Freiheit und ordnen uns pausenlos unter, passen uns an.
Lange Zeit hatte das Geld eine reale Anbindung an Gold. Staaten und Geldgeber waren verpflichtet, den jeweiligen Wert ihres Geldes durch einen realen Gegenwert zu sichern.

Mein Urgroßvater bekam vom letzten deutschen Kaiser sein Gehalt in echten Goldstücken ausgezahlt. Vermutlich hatte der Kaiser Faust II gelesen, denn als er Waffen für den ersten Weltkrieg bezahlen musste, wurde den Bürgern befohlen das Gold werte Geld - in Papiergeld einzutauschen. Meine Urgroßmutter aber vergrub einen Teil ihrer Münzen in einem Porzellantopf in ihrem Garten. - Mit der Zeit wechselten Währungen und Regierungen, ein neuer Krieg kam, der Eiserne Vorhang, dahinter der vergrabene Topf. Mit 16 Jahren, beim letzten Besuch in der DDR bei meiner Großmutter hatte sie mir ein Kleid genäht, das ich auf der Rückreise über die Grenzen von Ostdeutschland über Berlin in die Bundesrepublik tragen musste. Das Kleid hatte zwei Reihen Stoff bezogener Knöpfe und einen schweren Saum. Nichtwissend schmuggelte ich so unser kleines Familienerbe aus der DDR, denn Großmutters Haus und Grundstück waren vom Staat enteignet.

Gold behält seinen Wert, aber Werte ändern sich.

In den Wechselkursen der wichtigsten Länder war ihre Währung in Gold hinterlegt, bis durch Richard Nixon 1971 der Goldstandart des US-Dollars aufgegeben wurde. Das war das Ende des gedeckten Geldes. Jetzt trat das sogenannte Fiat-Money in Kraft, das „Es- möge-entstehen-Geld“. Banken begannen Gold zu verkaufen, das noch gar nicht aus der Erde gefördert war oder Immobilien, die noch gar nicht real dastanden. Fiat-money, easy money. Die Revolution der Digitalisierung tat ihr übriges, hat vom Silicon-Valley aus alte Geschäftsmodelle in Anbindung an reale Werte weitgehend verdrängt, ja zerstört und neue Geschäftsmodelle modelliert.

Zum Beispiel: Eine Bank oder Investoren unterstützten 10 Start-ups, um mit einer davon das große Geschäft zu machen. Dieser Prozess neuer Geschäftsmodelle experimentiert mit der Abschaffung von klassischen Währungen und spielt mit der Erfindung ganz neuer Bezahlungssysteme über Onlinehändlerwährungen wie Amazon Coins, Daten und mehr.

Wie aus dem Nichts entstanden 2008 Bitcoins. Bitcoins, die in persönlichen, digitalen Brieftaschen gespeichert werden können. Die Nachfrage ergibt sich - wie immer und derzeit relativ wild - aus Angebot und Nachfrage. Dabeisein wollen alle, Investoren, Staaten und Privatleute, obwohl sich diese Währungen staatlicher Kontrollen entziehen. Auch unterlaufen sie die Steuerung von Notenbanken oder Staaten, bieten Steuerhinterziehung, Geldwäscherei oder anderen illegalen Geschäften eine Vermehrung.

Meine Damen und Herren,

das Mehr-haben-wollen wohnt in vielen Seelen und kennt viele Formate. Es beginnt mit dem Unterscheiden im Kleinen. Kleidung, Labels, Handys, Uhren, Autos verführen dazu, sich zu verschulden, ja manchmal asozial oder kriminell zu werden. Denn Angebot und Nachfrage steigern einen Wert, inzwischen auch die Zeit oder Schwierigkeit des Beschaffens.

Und was ist mit denen, die schon alles haben, mehrfach haben? Die kaufen sich eine Yacht. Mit der Zeit verschiebt sich jede Bewertung von Gütern zugunsten von Vermögen. Dazu kommt, das teilte vor kurzem die Hans-Böckler Stiftung mit, Trotz großem Reichtum, werden allein in Deutschland jährlich 100 Milliarden Steuern hinterzogen, und dass es ein mühsamer Weg sei, die Elite dazu zu bringen, ihren Beitrag zu einer zivilisierten Gesellschaft zu leisten.

Gibt es denn außer Geld sonst nichts, womit man mehr gelten kann? Ist der Gemeinsinn verloren gegangen, den Sinn, den eine Gesellschaft braucht und bildet? Dabei ist das Wort GEMEINSAM doch mehr und mehr aus offiziellen Mündern zu hören. Auch gemeinsam den CO2 Ausstoß mindern wollen wir. Wie aber die Superreichen, deren Geld in minimalem Steuermodus arbeitet, zum Gemeinsam bringen? Solange wir noch mitbestimmen können, müssen wir uns aktiv bewegen über die Politik und das Recht, um Gemeinsinn zu unterstützen, um unsere Demokratie zu erhalten.

Die Ökonomie hat die Aufgabe, zu verteilen, was wir tun und was wir bekommen. Deshalb möchte ich zum Ende aus dem Buch „Für non-monetäre Ökonomie“ des aus Biberach stammenden Stefan Heidenreich zitieren. Der Kunst- und Medienwissenschaftler schreibt: "Der Entwurf einer non-monetären Okonomie setzt der Geldwirtschaft eine fundamentale Utopie entgegen. Sie kommt ohne Geld aus, streicht das Speichern von Wert und Vermögen - und ersetzt die Funktion des Bewertens und Zahlens durch eine algorithmisch unterstützte Verteilung der Dinge und Tätigkeiten. Technisch ist das bereits möglich, da wir inzwischen bereits alle Transaktionen digital notieren und genügend Daten verrechnen können."

Der Historiker Rudger Bretmann ist sich nach den Recherchen bei seinem Besuch des Wirtschaftsforums in Davos sicher, dass es Superreichen nicht wichtig ist, ob sie acht oder zehn Millionen verdienen. Sie seien nicht nur an Geld interessiert, sondern wollen auch was bewegen. Na denn mal los!...

Grundvoraussetzung ist: Das zivilisierte Raubtier Mensch muss sich von seinen Raubzügen verabschieden und ein ethisches Wertesystem entwickeln, damit unsere Kinder in eine Zukunft hineinleben können, die sinnvoll ist. Eine nichtmonetäre Gesellschaft als Rechtsstaat ist eine Vision, die aber möglich werden kann. Wir sind digital und global verbunden. Wir haben ein Klima, das erdumfassend von allen bei Laune gehalten sein muss. Weil Digitalaufklärung das bevorzugte Instrument ist, um Menschen zu entmündigen, brauchen wir das Bargeld. Noch. Damit wir Angebote ignorieren und Nachfragewerte bestimmen können. Bargeld bedeutet Freiheit. Wir befinden uns ja bereits in einem Prozess und wir sind gefordert: Kritik am Wertesystem genügt nicht. Wir müssen aus unserer selbstverschuldeten GELD-Unmündigkeit wieder herausfinden oder – anders formuliert: einen Wandel im Umgang mit Geld. Wir brauchen eine neue Aufklärung, eine neue Vernunft mit dem Verstand als wichtigste Grundlage unseres Handelns.

Habe Mut, Dich Deines Verstandes zu bedienen und Verantwortung für Dein eigenes Tun. In diesem Kant’schen Sinn möchten wir Sie heute mit unserem Programm anregen, Möglichkeiten und Perspektiven weiter zu denkenund wünschen Ihnen und uns einen anregenden, spannenden Abend.