im blauen Sessel

  

15. philosophisch-literarische Salonnacht
am 24. April 2020 in Ravensburg

ÜBER MACHT


18.30 Uhr: Auftakt im Museums Humpis-Quartier, Marktstrasse 45.

Karin Nowak gibt eine Einführung in das Thema.

Sabine Thor-Wiedemann stellt die  Mitwirkenden der Salonnacht vor.

20.00 Uhr: Die Salons öffnen in der Marktstrasse

20.45 Uhr: Pause nach der ersten Lesung, um den Salon zu wechseln

21.15  Uhr: Die zweite Runde der Lesungen beginnt

22.00 Uhr: Ausklang im Museum Humpis-Quratier


©HeikeBodenberger

Karen Köhler  (Schriftstellerin)

Miroloi

Karen Köhlers erster Roman erzählt von einer jungen Frau, die als Findelkind in einer abgeschirmten Gesellschaft aufwächst, auf einer abgelegenen Insel, vielleicht im Mittelmeer. Hier haben Männer das Sagen, dürfen Frauen nicht lesen, lasten Tradition und heilige Gesetze auf allem. Doch in der jungen Frau regt sich Widerstand. Sie stellt unerwünschte Fragen, lernt heimlich lesen, schließt verbotene Freundschaften, verliebt sich und wünscht sich von der Insel weg. Als sie schließlich ihre innere Ohnmacht überwindet, gerät alles aus den Fugen.

Karen Köhler hat Schauspiel studiert und zwölf Jahre in ihrem Beruf gearbeitet. Heute schreibt sie Theaterstücke, Drehbücher und Prosa. 2014 erschien ihr Erzählungsband "Wir haben Raketen geangelt" und 2019 ihr Debüt-Roman "Miroloi", mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war.



Kai Strittmatter  (Journalist)

Die Neuerfindung der Diktatur

Lange hat sich „der Westen“ der Illusion hingegeben, dass wirtschaftliche Öffnung, zunehmender Wohlstand und der Anschluss an eine digital vernetzte Weltgemeinschaft in China eine Demokratisierung bewirken würden. Doch China schickt sich an, die weltweit erste digitale Diktatur zu werden. In einem „sozialen Bonitätssystem“ wird mithilfe flächendeckender Überwachungssysteme das wirtschaftliche, soziale und kommunikative Verhalten jedes chinesischen Bürgers nahezu lückenlos erfasst und mit Belohnungen und Strafen sanktioniert. Wie funktioniert das? Und sind die westlichen Demokratien tatsächlich so weit davon entfernt?

Kai Strittmatter studierte Sinologie in München und China und absolvierte anschließend die Deutsche Journalistenschule. Insgesamt war er 14 Jahre lang Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Peking und ist ein profunder Kenner des Landes.



©YvonneBerardi

Joachim Zelter (Schriftsteller)

Imperia

Theaterschauspieler Gregor Schamoni hält sich mithilfe von Nebenjobs über Wasser: Sprecherziehung, Schauspielunterricht, Begleitung, persönliche Beratung... Wählerisch kann er nicht sein. Und so verdingt er sich bei der exzentrischen und hochfahrenden Iphigenie de la Tour, Professorin der Anthropologie, zunächst als Rezitator klassischer Theatermonologe. Doch schon bald verschwimmen die Grenzen der Geschäftsbeziehung, die divenhafte Frau nimmt in Schamonis Leben überhand. Die Vereinnahmung eskaliert schließlich so, dass der Schauspieler jede Kontrolle über sein Leben verliert.

Bis 1997 arbeitete er als Dozent für englische und deutsche Literatur an den Universitäten Tübingen und Yale. Seither ist er freier Autor von Romanen, Theaterstücken und Hörspielen und engagierte sich in der Tübinger Anglo-Irish Theatre Group. Seine Werke erhielten namhafte Literaturpreise wie den Thaddäus-Troll-Preis.



Dino Weisz  (Autor & Regisseur)

Farasha (Film)

 

Karim, ein Bundeswehrsoldat, ist in einem Flüchtlingsheim in Ostdeutschland im Einsatz, um die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu schützen. Selber aus einer Migrantenfamilie stammend, gibt er sich als Asylsuchender aus, um mögliche terroristische Gefährder ausfindig zu machen. Doch in den nächtlichen Straßen der Kleinstadt muss er feststellen, dass ausgerechnet er als Repräsentant der Staatsmacht schutzlos einer selbsternannten Bürgerwehr ausgeliefert ist, die das Machtmonopol des Staates in Frage stellt. Und ihm kommen Zweifel, ob er auf der richtigen Seite steht.

Dino Weisz absolvierte ein Filmstudium in Paris und erwarb sein Diplom an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Sein aktueller Film „Farasha“ gewann den Director´s Choice Award des britischen Indie Flicks Kurzfilmfestivals und hatte im Herbst 2019 Deutschlandpremiere beim Biberacher Filmfestival.


©ChristineStrub

Beate Rothmaier (Autorin)

Caspar


Ende des 18. Jahrhunderts: Caspar, ungewolltes Kind, wird mit fünf Jahren von seiner Mutter in einem Gasthaus ausgesetzt. Ab da lernt er die Macht der Obrigkeit kennen und eine Dorfgemeinschaft, die den „Bankert“ wie einen Leibeigenen hält, misshandelt und schwere Arbeit verrichten lässt. Nach zehn Jahren verzweifelter Selbstbehauptung und zunehmender innerer Härte scheint Caspar endlich ein eigenes Leben als Porzellanmacher zu gelingen – doch der kurze Versuch der Selbstermächtigung wird erneut gewaltsam beendet.

Die studierte Germanistin und Romanistin schreibt Romane, Erzählungen und experimentelle Kurzprosa. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, für ihr Debüt "Caspar" u.a. mit dem Friedrich-Hölderlin-Förderpreis. Neuere Romane sind "Fischvogel" und "Atmen, bis die Flut kommt".


©LudwigHöfle

Peter Höfle (Herausgeber & Lehrer)

Kafkas Gesang der Macht

 

Als „größten Experten der Macht“ hat Elias Canetti Franz Kafka bezeichnet. In der Tat beschreibt Kafka die Wirkungsweisen der Macht mit unerreichter Anschaulichkeit, da er sie nicht aus der Perspektive der Mächtigen schildert, sondern weil er sein Publikum mit seinen beschädigten und oft zum Tier entstellten Figuren in die Sicht jenes Kindes zwingt, das er selbst war. So ist Kafka nicht nur ein Experte der Macht, sondern auch der Erziehung: Sein „Brief an den Vater“ und die Hinweise, die er seiner Schwester bei der Erziehung ihres Sohnes gibt, geben Zeugnis davon.  

Peter Höfle studierte Germanistik, Philosophie und klassische Philologie. Nach seiner Promotion über Kafka war er elf Jahre Lektor bei Suhrkamp. Heute unterrichtet er Deutsch und Latein an einem Gymnasium bei Frankfurt. Darüber hinaus ist er Autor und Herausgeber von Literaturkommentaren und Klassikereditionen.


©BarbaraBräuning

Katrin Seglitz (Autorin)

Schweigenberg


Schweigenberg ist der Name eines Weinanbaugebiets an der Unstrut. Hier hat Arne Schütz einen Weinberg. Er ist in der DDR aufgewachsen und wurde nach einem Fluchtversuch zu drei Jahren Haft verurteilt. Obwohl das lange her ist, kommt er nicht davon los. Als er den ehemaligen SED-Richter Lutz Winter trifft, der ihn verurteilt hat, will er, dass Winter eine Ahnung davon bekommt, wie es ist, im Gefängnis zu sein. Er sperrt ihn in seinen Keller und hält jede Nacht Gericht über ihn. Doch kann Arnes Macht über seinen Gefangenen den Richter dazu bringen, Abbitte zu leisten?  

Katrin Seglitz hat Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte in München und Tübingen studiert, 1989 ihre erste Geschichte veröffentlicht und 2009 ihren ersten Roman "Der Bienenkönig". Sie leitet Text- und Schreibwerkstätten, ist Mitglied der Meersburger Autorenrunde und Mitherausgeberin des Literarischen Jahreshefts "Mauerläufer".



Wolfgang Heuer (Politologe)

Wer hat die Macht?

 

Macht, Gewalt, Herrschaft – das klingt nahezu gleich, ist es aber nicht. Niemand hat die Macht in seinem ausschließlichen Besitz, der Einzelne ist nicht am mächtigsten allein. Vielmehr entsteht Macht zwischen Akteuren in ihrer Pluralität, so wie auch Freiheit oder Autorität. Macht wird sogar gestärkt, wenn sie geteilt ist, und das gilt nicht nur für die „Gewaltenteilung“, sondern auch für den Föderalismus eines Staatsgebildes. Wolfgang Heuer öffnet in seinem Vortrag den Blick für eine wichtige Grundlage der Bürgergesellschaft: ihre gelebte und damit machtbildende Vielfalt.

Wolfgang Heuer lehrt politische Philosophie am Otto-Suhr-Institut für politische Wissenschaft der Freien Universität Berlin. Er habilitierte sich mit einer Arbeit über mutiges Handeln in der Politik. Einer seiner Forschungsschwerpunkte sind die Schriften Hannah Arendts.



Ludger Fittkau (Journalist) &

Marie-Christine Werner (Redakteurin)

Die Konspirateure

Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 war mehr als der Ausdruck einer militärischen Verschwörung in Berlin. Hinter der Gruppe um Stauffenberg stand im Südwesten ein großes ziviles Netzwerk des Widerstands um den Sozialdemokraten Wilhelm Leuschner, das konspirativ ein gemeinsames Ziel verfolgte: Die Diktatur zu beseitigen und nach einem gelungenen Attentat auf Hitler öffentliche Verwaltungen und Rundfunkstationen zu besetzen. Marie-Christine Werner und Ludger Fittkau verfolgen vor Ort die Strukturen des zivilen Flügels des 20. Juli und erzählen die verschlungenen Schicksale der Beteiligten.

Ludger Fittkau studierte Sozialwissenschaften und promovierte in Soziologie. Seit 1995 ist er freier Journalist und berichtet heute als Landeskorrespondent aus Hessen für den Deutschlandfunk.

Die Deutsch-Französin Marie-Christine Werner studierte unter anderem Völker- und Europarecht in Saarbrücken, Seit 2000 arbeitet sie als Redakteurin und Moderatorin beim SWR in Mainz.